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Friedrich des Großen Flöte und Harnoncourt

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Wie Nikolaus Harnoncourt eine Flöte Friedrich des Großen fand:
Friedrich des Gr.Flöte
………………………………..eine Querflöte aus Elfenbein in C, Mitte 18. Jh.,
nach Überlieferung aus dem Besitz Friedrichs II. –
Quelle des Bildes siehe am Ende

„crescendo: Bis heute wird die „historische Aufführungspraxis“ ja mit historistischer Aufführungspraxis verwechselt. Dabei weiß jeder Historiker, dass Friedrich der Große in unterschiedlichen Epochen anders gesehen wurde, dass die Beschäftigung der Geschichte immer ein Abbild der Gegenwart ist.

Harnoncourt: Natürlich hat jede Generation ihren eigenen Friedrich den Großen – ich habe übrigens eine Flöte von ihm.
crescendo: Erzählen Sie schon.
Harnoncourt: In Niederösterreich gab es viele Schlösser, und die Besitzer sind zum großen Teil vor den Russen geflohen – geblieben sind die Hausmeister. Unser Babysitter war damals ein russischer Revolver-Weltmeister und Hausmeister eines solchen Schlosses. Außerdem war er mit dem Grafen Szapary befreundet, der zurückgekehrt ist, als die Russen Niederösterreich verlassen hatten. Der Hausmeister hat seinem Dienstherren stolz einige Dinge überreicht, die er vor den Russen gerettet hatte: Porzellanfiguren und solche Sachen. Darunter war auch eine kleine Holzkiste. Es gab in der Familie Szapary die Legende, dass der Ur-Urgroßvater Szapary diese Kiste von Friedrich dem Großen persönlich erhalten habe, nachdem er ihn als General der österreichischen Armee besiegt hatte. Darauf sagte ich zu dem Hausmeister: „Dann muss da eine Flöte drin sein, denn Friedrich hatte auf all seinen Feldzügen Flöten dabei.“ Er hat geantwortet: „Ach, wenn das so ist, dann hat der Graf Szapary sicherlich kein Interesse daran.“ Eine Woche später kommt er wieder, mit dieser Holzkiste unter dem Arm und sagte: „Da hast Du sie.“ Ich öffnete das Kästchen, und tatsächlich lag eine Flöte mit sieben Zwischenstücken von Friedrichs Flötenmacher Grenser aus Dresden darin. Niemand hatte sie je in der Hand gehabt, denn die Oberseite war heller als die Unterseite. Die Familienlegende stimmte also. Sie können diese Flöte übrigens auf allen Aufnahmen des „Alten Werks“ zwischen 1957 und 1987 hören.

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crescendo: Das ist eine wunderbare Geschichte. Aber lassen Sie uns noch einmal zurück kommen auf die Geschichte der sogenannten „historischen Aufführungspraxis“…

Harnoncourt: Ich glaube, wir waren sehr offen, was das Musizieren betraf. Ich habe allerdings festgestellt, dass schon die zweite Generation dogmatischer wurde. Plötzlich wurden aus den Erkenntnissen der Forschung Regeln aufgestellt, die alle Musiker zu erfüllen hatten. Dabei ist es in der Musik wie überall anders auch: Die zweite Generation liest schon nicht mehr so viele Quellen wie die erste. Es ist ein ganz normaler Vorgang, dass sie sich eher darauf konzentriert, die Erkenntnisse neu zu interpretieren. Dabei wäre es gar nicht wichtig, die Regeln dogmatisch zu erfüllen, sondern zu verstehen, was sie bedeuten. Die alleinige Erfüllung der Regeln kann nämlich auch dazu führen, dass man eigentlich alles falsch macht. Was ist denn eine „historische Wahrheit“ überhaupt? Ich glaube, dass ein guter Historiker immer auch ein guter Geschichtenerzähler sein muss. Und dieses Wissen habe ich von Egon Fridell, dessen Verständnis von Geschichte ich absolut teile. In diesem Sinne wäre die „historische Aufführungspraxis“ als Terminus auch nur unter der Voraussetzung denkbar, dass das „historische“ als offener Begriff verstanden wird. Da kommt auch wieder meine Ureigenschaft des Zweifels zum -Tragen. Ich glaube nicht, dass man reale Geschichte erfahren kann. Man erfährt nur, was man darin sieht. “

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das ganze Interview:
Auf der Suche nach der verlorenen Zeit
13. November 2007
http://www.crescendo.de/nikolaus-harnoncourt-auf-der-suche-nach-der-verlorenen-zeit-7200/

Nikolaus Harnoncourt ist ein Pionier der “historischen Aufführungspraxis”. Jetzt werden die ersten Einspielungen des “Alten Werks” wieder veröffentlicht. Ein Gespräch über die Kriegsgeneration, den Klang und die “Knödeltheorie”.

Der Rückzugsort der Harnoncourts ist ein lebendiges Museum: Im Musikzimmer horten der Dirigent Nikolaus Harnoncourt und seine Frau, die Geigerin Alice, Instrumente, die sie auf Dachböden gesammelt, in Klöstern gefunden oder geschenkt bekommen haben. Lang Lang war auch schon mal zu Gast – er hat beim Flügel der Schubert-Zeit gleich die Pedale durchgetreten. “Historische Aufführungspraxis” ist eben etwas für Feingeister. Bei Kaffee und Keksen ging es um alles: die Musik und das Leben.
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ein Interview: Nikolaus Harnoncourt über Bachs‘ Brandenburgisches Konzert 2
Teil 1

Teil 2

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Der preußische König Friedrich II. war ein enthusiastischer Musikliebhaber und ein guter Querflötenspieler. Schon lange vor seiner Thronbesteigung hatte Friedrich in Ruppin und Rheinsberg Musiker um sich geschart, von denen er sich unterrichten ließ und mit denen er gemeinsam musizierte: Carl Heinrich Graun, sein späterer Kapellmeister, Franz Benda, Carl Philipp Emanuel Bach, insbesondere aber Johann Joachim Quantz. Dieser hatte nicht nur die Aufgabe, Friedrich im Flötenspiel zu unterweisen und bei den abendlichen Kammermusiken mitzuwirken – auch die Überwachung des preußischen Flötenbaus gehörte zu seinen Pflichten.

Das Museum besitzt mehrere Querflöten, darunter eine aus Ebenholz und eine aus Walrosszahn, die sich im Besitz Friedrichs befunden haben. Dies belegen ein handschriftliches Zeichen (FR=Fredericus Rex) und schriftliche Belege aus der Zeit um 1800. Zwei dieser Instrumente dürften tatsächlich nach Quantzens Vorstellungen gefertigt worden sein. Ebenfalls aus dem Besitz des Preußenkönigs stammen zwei weitere Querflöten mit Kasten von I. Scherer aus Butzbach (Hessen) aus der 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Staatliches Institut für Musikforschung – Preußischer Kulturbesitz
https://www.sim.spk-berlin.de/floeten_aus_dem_besitz_friedrich_ii_772.html

Written by einedeutscheweise

5. September 2010 um 14:08

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