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Erlebt die Jugend noch Musik- was geht kaputt?

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aus:

„Ich brauche die Berge“

Kleine Zeitung:
Österreich gilt als Kulturnation. Trägt es diese Charakterisierung noch zu Recht?

NIKOLAUS HARNONCOURT: Was heißt das, eine Kulturnation? … In den lateinamerikanischen Ländern singt jeder, bei uns kann ja kein Kind mehr singen. Was da heute falsch zusammengekräht wird, das ist zum Verzweifeln.

Wir haben doch auch gekräht.

HARNONCOURT: Wir haben nicht gekräht. Von hundert Kindern waren vielleicht zwei, die nicht singen konnten. Wir haben jede Menge Lieder gelernt. Wir haben gelernt, wie wir die Stimmbänder benützen müssen.

Aber die Kinder hören doch unentwegt Musik. Sie singen nur nicht mehr „Im Frühtau zu Berge“, sondern Lieder von Christl Stürmer oder Tokio Hotel.

HARNONCOURT: Meinen Sie, was Sie da sagen?

Wir versuchen, dagegenzuhalten.

HARNONCOURT: Ach so. Na gut, wenn Sie meinen, dass alles, was durch irgendwelche Kopfhörer ins Gehirn dringt, Musik ist, dann hören sie natürlich ständig Musik. Aber wo bleibt die Auswahl von Dreck und Qualität?

War das früher ohne Beschallung anders?

HARNONCOURT: Bedenken Sie, in wie vielen Häusern Klaviere gestanden sind.

In den bürgerlichen.

HARNONCOURT: Stimmt doch nicht. Das war keine Frage der Herkunft. Die Leute haben Instrumente gespielt. Es hat zahllose Familien gegeben, da waren das Klo und die Wasserleitung am Gang draußen, und sie haben zu fünft in einem Raum geschlafen, und in der Ecke ist ein Klavier gestanden. Heute steht gar nichts mehr dort, kein Klavier, keine Geige. Da hat man die paar Knöpfe, an denen man dreht. Es ist die Freude am Erzeugen von Klängen verloren gegangen. Das führt dazu, dass die wenigen, die eine Spur von einer Stimme haben, sofort zum Star werden, wenn sie in die richtigen Klauen kommen.

Glauben Sie, dass Ihre Enkel eine schlechtere Bildung erhalten als Sie seinerzeit?

HARNONCOURT: Eine unvergleichlich schlechtere. Das ist kein österreichisches Phänomen. Die Kinder werden abgefüllt mit Wissen, das rein zweckbetont ist.

Die Kinder lernen doch mehr als jemals zuvor.

HARNONCOURT: Das trifft nur auf die Menge zu. Man versucht alles unterzukriegen, also streicht man, was nicht verwertbar ist: weniger Turnen, weniger Kunst. Ich bin pessimistisch. Es hängt so viel davon ab, wie man als Mensch entwickelt wird und nicht als brauchbares Zahnrad in einer Maschine.

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Singen – üben: ein Beispiel mit dem Tölzer Kanbenchor

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Die Habgier wird immer schlimmer – Interview zum 75. Geburtstag (11/2004)
Kleine Zeitung:

Was waren die schlimmsten Tiefschläge und Enttäuschungen?
HARNONCOURT: Die liegen in der Weltgeschichte, nicht im künstlerischen Bereich.

Was meinen Sie damit konkret?
HARNONCOURT: Die Entwicklung der Menschen hin zur schrankenlosen Habgier.

Hat sich dabei der Stellenwert der Musik verändert?
HARNONCOURT: Die Erziehung zur Musik hat sich drastisch verschlechtert: In der Generation, die wir noch gekannt haben, musste jeder Volksschullehrer Geige spielen

Written by einedeutscheweise

8. September 2010 um 03:39

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